"Friedenssicherung"

Friedenswächter war die euphemistische Bezeichnung in der Alltagssprache der Alten für die vollautomatischen Kampfroboter, die ab 2040 in Dienst gestellt wurden und bis 2064 alle menschlichen Armeen in der so genannten "Ersten Welt", also den Industriestaaten wie den USA oder in Europa ersetzten und auch in den neu entstehenden Konzerntruppen verwendet wurden.

Der Begriff ist dabei nichts weiter als Schönfärberei in geradezu orwellschen Ausmaßen - bei den "Friedenswächtern" handelte es sich um Kampfroboter, geschaffen ausschließlich für den Krieg, für den Kampf gegeneinander und auch für den Kampf gegen die verbliebenen menschlichen Truppen der weniger wohlhabenden Staaten und Konzerne. Ebenso waren sie darauf ausgelegt, um wie die Panzer des 20. und 21.Jahrhunderts bei Bedarf Aufstände zu unterdrücken und jeden Widerstand gegen die Interessen ihres Besitzers mit Gewalt zu brechen. Da sie meist gegen andere Roboter kämpften, wurde ihr Einsatz schnell zur Tagesroutine. Wann immer ein Staat oder ein Konzern etwas haben wollte, das jemand anderes besaß oder auch wollte, wurden die Roboter in Marsch gesetzt, um die Sache mittels Kanonendiplomatie auszutragen.

Für die Verantwortlichen klang es jedoch besser, wenn man für die öffentliche Wahrnehmung die nach 2040 immer zahlreicher werdenden Kampfeinsätze besagter Roboter zur Sicherung von Ressourcen oder Territorium als "Friedenssicherung" oder "Stabilisierungsmaßnahmen" bezeichnete, die Unterdrückung von unerwünschter Opposition mit Gummigeschossen und Reizgasen als "nicht-lethales Aufruhrmanagement" oder den Einsatz tödlicher Waffen gegen menschliche Soldaten als "Mensch-Roboter-Konflikt". Folgerichtig war es daher auch besser, die eingesetzten Roboter nicht als das zu bezeichnen, was sie waren, nämlich Killer-Roboter, sondern sie verschleiernd als "Friedenswächter" zu bezeichnen. Dieses System der Schönfärberei ging so weit, dass seine Nutzer teils instinktiv Gesprächspartner korrigierten, die die Roboter ungeschönt als "Killerroboter" bezeichneten.

Für die angegriffenen Länder, wie beispielsweise Nigeria, machte diese Uminterpretation der Verhältnisse im Endergebnis jedoch nicht auch nur den geringsten Unterschied und der Begriff "Friedenswächter" war für ihre Einwohner nichts als blanker Hohn und offene Lüge. Die Killer-Bots sicherten den Frieden nur insofern, als das sie durch die Vernichtung aller feindlichen Roboter und menschlichen Opposition einen Friedhofsfrieden erzeugten, und im Anschluss einen Angstfrieden aufrecht erhielten, in dem ihre Besitzer ungehindert ihren Vorhaben nachgehen und ihre Interessen sichern konnten. Für die Verantwortlichen - die Regierungschefs der reichen Industriestaaten, ihre Generäle, die Konzernmanager und zuletzt auch den Herstellern der Roboter - bot diese Art des orwellschen Neusprechs indes auch die Möglichkeit, sich ihrer eigenen Verantwortung nicht stellen zu müssen.

Dieses System der Verdrängung funktionierte außerhalb der "befriedeten" Regionen, bis sich im Jahr 2064 der Hartz-Timor-Schwarm der Kontrolle entzog und sich gegen seine Schöpfer wandte. Nun zwang die nackte Brutalität des zur Faro-Plage transformierten Schwarms gegen alles Leben das sprachliche System der Beschönigung und Verschleierung in die Knie und begrub es unter Leichenbergen. Allerdings kam die individuelle Einsicht der Verantwortlichen zu spät, bis 2066 vernichteten die "Friedenswächter" in der Großen Auslöschung die gesamte Biosphäre und löschten bis 2068 alles Leben auf der Erde aus.

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